Interview - Christian Barthen - Konzertorganist und Kirchenmusiker

Christian BARTHEN
Konzertorganist und Kirchenmusiker
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Interview

organ_Journal für die Orgel
Heft 2/2015
www.organ-journal.com



Exekutive einer möglicherweise
historischen Legislative

Der junge Konzertorganist, Pianist, Cembalist und Kirchenmusiker Christian Barthen im Gespräch mit organ-Chefredakteur Dr. Wolfram Adolph

Er sein ein "quirliger, impulsiver Musiker mit einer ausgeprägten, originellen Künsterlerpersönlichkeit", so Robert Leonardy, Professor (em.) für Klavier der Musikhochschule Saar und Generalintendant der internationalen Musikfestspiele Saar, über Christian Barthen. "Mit seinem Hauptinstrument, der Orgel, auf vielen großen internationalen Wettbewerben mit Preisen ausgezeichnet, hat er stets versucht, die ganze Palette der Tasteninstrumente zu verstehen, zu deuten und zu beherrschen. Seine Unruhe und sein Forschungsdrang, sein Hang zur Perfektion sicherten ihm immer einen hervorragenden Platz in meiner Klavierklasse. Auch hier gab es internationale Auszeichnungen und exzellente Examina. Er ist ein Könner auf vielen Tasteninstrumenten!" Wir sprachen mit dem jungen Musiker, der für uns die aktuelle organ-CD Orgelwerke ... großen Stils an der Späth-Orgel von St. Michael zu Saarbrücken eingespielt hat.

organ: Sie sind von Hause aus vollausgebildeter Organist und Pianist. Was stand am Anfang Ihres professionellen instrumentalen Interesses und Ihrer Hochschulausbildung: das Klavier oder die Orgel?
Christian Barthen: Nun, die Dauer und die Intensität meiner Orgelstudien übersteigen die meines Klavierstudiums mittlerweile deutlich und auch mein künstlerischer Schwerpunkt ist dadurch entsprechend definiert. Rückblickend war das sicherlich nicht immer so, und am Anfang meiner musikalischen Ausbildung stand zunächst das Klavier. Da ich in einem kirchlichen Umfeld aufgewachsen bin, hatte ich allerdings auch einen sehr frühen Kontakt zur Orgel und auch sehr bald ein großes Interesse – der entsprechende Unterricht kam dann bald mit dazu … In meiner Schulzeit habe ich keine typische Kirchenmusikerausbildung absolviert, nie C-Kurse oder etwas Vergleichbares besucht, aber bekam einen sehr fundierten Instrumentalunterricht. Dass ich einmal Berufsmusiker werden wollte, stand für mich von Anfang an fest, und dementsprechend eifrig waren meine Lehrer und ich selbst bei der Sache. Eine besondere Motivation waren sicherlich zwei frühe Erfolgserlebnisse: zum einen ein 3. Preis bei einem internationalen französischen Orgelwettbewerb, an dem ich als Schüler nur mit einer Sondergenehmigung teilnehmen durfte, und zum anderen meine Aufnahme als Jungstudent in die Orgelklasse von Wolfgang Rübsam. Ich habe dann ab 2004 Kirchenmusik studiert, wenig später aber auch ein Zweitstudium als Hauptfach-Pianist begonnen und durfte ab da u. a. mit Professor Jean Micault aus Paris arbeiten, einem ehemaligen Schüler und dem späteren Assistenten der Klavierlegende Alfred Cortot und darüber hinaus einem der erfahrensten Klavierpädagogen in Deutschland. Jean Micault war im Übrigen einer der wenigen Spitzenpianisten, der die Orgel als dem Klavier künstlerisch ebenbürtig anerkannte und sogar in bestimmten Bereichen ihre Vorzüge kannte. Nicht nur, dass er viele meiner Auftritte als Organist besucht hat – verbunden natürlich mit einer obligatorischen nachträglichen Kritik – ich bin tatsächlich durch ihn erstmalig in Kontakt mit historische Quellen wie Couperins L’Art de toucher le clavecin, C. P. E. Bachs Versuch … oder der Klavierschule von D. G. Türk in Berührung gekommen. Als ich dann im Jahr 2006 im Grundstudiengang, den hochschulinternen Saarbrücker Orgelwettbewerb gewonnen hatte, war ich in der Wahrnehmung meines Umfeldes, und auch in meiner eigenen, sehr deutlich als Organist eingruppiert. Nach einem sehr inspirierenden Cembalo-Meisterkurs mit Jon Laukvik im Jahr 2007 habe ich dann, nachdem ich meine Zeit- und Kraftreserven nochmal sortiert hatte, ab 2008 mit dem Cembalo ein drittes Hauptfach-Studium begonnen, welches ich 2011 regulär abgeschlossen habe.

Was bedeuten für Sie ganz persönlich diese Tasteninstrumente – Sie haben ja sowohl mit der Orgel, als auch mit dem Klavier renommierte Preise gewonnen –, oder anders gefragt: Was bedeuten sie Ihnen im unmittelbaren Vergleich?
Ich habe immer versucht, nie allzu instrumentenspezifisch oder kategorial zu denken, sondern mich um eine ganzheitliche musikalische Sicht bemüht. Für mich ist es wichtig, bei meiner Arbeit zu einer interpretatorischen Überzeugung und zu einer entsprechenden Aussageabsicht zu gelangen – mit den unterschiedlichen Instrumenten ändert sich dann lediglich die Art und Weise meiner Ausdrucksmittel, sozusagen mein Vokabular. Das, was ich beispielsweise beim Klavierspielen über eine Intensität des Anschlags erreiche, erarbeite ich bei der Orgel über das Ausfeilen einer Artikulation und den Effekt eines Klavierpedals oder einer Kirchenakustik und imitiere ich beim Cembalospielen eben durch entsprechende Formen des Überlegatos.

Halten Sie eine professionelle organistische Berufsausübung mit künstlerischem Anspruch jenseits der Alte Musik-Szene – sagen wir einmal ab Mendelssohn – für sinnvoll bzw. überhaupt für möglich ohne eine wirklich profunde pianistische Kompetenz?  
Eine organistische Berufsausübung ohne einen echten künstlerischen Anspruch – und ich bin sicher, dass das gar nicht so selten vorkommt – wäre für mich jedenfalls nie ein Maßstab. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Klavier für einen professionellen Organisten immer eine Rolle gespielt hat – die Technik einer Reubke-Sonate erlernt man nicht ausschließlich an der Orgel. Meine Beschäftigung mit dem Klavier und seiner Musik ist für mich eine Leidenschaft, ohne dass ich dabei jemals einen Profit für meine Tätigkeit als Organist vor Augen gehabt hätte. Ich kann für mich sagen, dass ich viele wichtige Fertigkeiten mit und am Klavier erlernt habe, dazugehören beispielsweise a) entsprechende klavieristische Möglichkeiten, b) die Entwicklung eines Klangsinns und damit verbunden eine Kopplung von musikalischen und körperlichen Empfindungen (ein forte fühlt sich eben anders an als ein piano; eine akzentuierte Note ist nicht nur länger, sondern auch schwerer; zur Gestaltung einer Phrase ist das empfundene Atmen mindestens so wichtig wie das genaue Beachten einer Bogensetzung), c) einen Ausdruckswillen und entsprechende Gestaltungsideen, d) zielführende Übemethoden und nicht zuletzt auch e) eine gewisse Podiumssicherheit und Auftrittsprofessionalität. Rückblickend könnte ich sagen, dass ich dadurch auch als Organist profitiere, aber das war nie meine primäre Motivation. Zudem profitiert ein (kluger) Pianist sicherlich auch von den Erfahrungen mit der Orgel: von ihrer stilistischen Vielfalt, ihrer orchestralen Handhabung oder schlicht beim Kultivieren eines guten Legato … Ich halte ein Sich-Ergänzen von unterschiedlichen musikalischen Kompetenzen – dazu gehört für mich neben dem Klavier auch unbedingt das eigene Singen sowie ein entsprechendes musiktheoretisches und musikwissenschaftliches Fundament – für sinnvoll und notwendig.

Ein Wort zur Hochschulausbildung. Sie haben bei bedeutenden Organisten unserer Zeit studiert, etwa bei Wolfgang Rübsam (Chicago/USA) oder Ludger Lohmann (Stuttgart) und bei Philippe Lefebvre (Paris). Wo sehen Sie möglicherweise pädagogischen Handlungs- bzw. Reformbedarf innerhalb unseres Hochschulsystems – um die nachfolgenden OrganistInnengenerationen für die Erfordernisse unserer Zeit wirklich fit zu machen?
Ich hatte tatsächlich das große Glück, dass ich in meinem Studium von hervorragenden Künstlern und Pädagogen lernen durfte, und meine Lehrer haben dabei für mich immer auch eine Vorbildfunktion übernommen. Als mittlerweile „Außenstehender“ überschaue ich die Hochschulausbildung in Deutschland nicht hinreichend, um an dieser Stelle eine allgemeingültige Aussage treffen zu können oder mir gar kluge Ratschläge anzumaßen. Ich empfinde es jedoch als höchst dramatisch, dass man immer wieder von Schließungen von Kirchenmusikabteilungen bzw. traditionsreichen Orgelprofessuren liest und dass damit ein ganz wertvolles Stück Musikkultur zum Aussterben verurteilt wird. Das darf nicht sein und ich wünsche mir hier ein couragiertes und höchst entschlossenes Auftreten und Einsteigen der entsprechenden Verantwortungsträger. Ein Nach-innen-Existieren allein ist sicherlich heute nicht mehr ausreichend. Eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, Kooperationen mit den entsprechenden Kulturszenen wie den ortsansässigen Musikfestivals, Schauspielhäusern und Kirchen, Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie eine Teilhabe am kulturellen Angebot und eine kontinuierliche Präsenz nach außen – und zwar sowohl der Studierenden als auch der Lehrenden – halte ich dabei für unabdingbar. Was den Organistennachwuchs betrifft, sehe ich eine besondere Verantwortung vor allem auch im Bereich der prä-professionellen Ausbildung. Gerade in der Arbeit mit jugendlichen MusikerInnen werden ganz wichtige Weichen gestellt. Eine zu frühe Entwicklung und Förderung in eine vermeintlich praxisorientierte kirchenmusikalische Breite, zu Lasten einer künstlerischen Tiefe, halte ich für fatal. In diesem Zusammenhang bin ich davon überzeugt, dass die Qualität eines pädagogischen Angebots dabei immer in einem Verhältnis zu der jeweiligen eigenen künstlerischen Erfahrung und Integrität eines Lehrenden steht.

Was sind Ihre besonderen Repertoirevorlieben auf der Orgel?
Grundsätzlich ist mein Credo, sich als junger Musiker innerhalb seines Studiums stilistisch vielseitig zu bilden und damit verbunden auch eine entsprechende Repertoirearbeit zu leisten. Meine persönlichen Repertoirevorlieben und Geschmäcker haben sich nicht zuletzt dadurch mehrfach geändert. Im Zentrum meines Interesses steht nach wie vor die Musik Bachs. Ich fühle mich zudem als konzertierender Organist der deutschen Orgelmusik des 19. Jahrhunderts – von Mendelssohn über Brahms, Schumann, Liszt und Reubke bis hin zu Reger – mehr verpflichtet als der französischen. Im 21. Jahrhundert ist es wiederum eher umgekehrt; die Werke von Alain, Dupré, Duruflé oder Demessieux sind ein fester Bestandteil meines Repertoires. Eine wertvolle Neuentdeckung innerhalb der zeitgenössischen Orgelmusik waren für mich die Kompositionen von Jean Guillou. Seitdem ich seine Toccata op. 9 vor einigen Jahren für den Grand Prix de Chartres einstudiert habe, beschäftige ich mich mit seinem Werk.

Was interessiert Sie besonders an den genannten Lieblingskomponisten?
Die Musik von Johann Sebastian Bach ist für mich das Tiefgründigste, was es gibt und ein Werk wie seine Canonischen Veränderungen stehen mindestens auf der gleichen künstlerischen Stufe wie eine große Sonate von Beethoven, eine Oper von Mozart oder eine Sinfonie von Brahms. Die Orgelwerke Mendelssohns oder eines Franz Liszt sind Werke der großen Komponisten unserer Kulturgeschichte und dadurch um so viele Komponenten reicher und wertvoller als andere Werke, die sicherlich auch gut komponiert und der Orgel maßgeschneidert sind, die allerdings letztlich nur aus einer auf die Orgel eingeschränkte musikalischen Szene entstammen. Im 21. Jahrhundert fühle ich mich der Farbigkeit und der Expressivität der französischen Orgelmusik, beispielsweise eines Maurice Duruflé oder eines Jehan Alain, sehr viel näher als der manchmal sehr herben und sachlich nüchternen Kompositionsweise ihrer deutschen Zeitgenossen, wie z. B. Hermann Schröder oder Helmut Bornefeld. Die Musik von Jean Guillou bedient sich keiner experimentellen Form des Musizierens und entstammt nicht aus einer konstruierten kompositorischen Theorie, sondern sie trägt unmissverständlich die Handschrift eines musikalischen Pragmatikers. Besonders bewundere ich an dieser Musik ihre ganz individuelle Klangsprache, ihre teils perkussive Rhythmik und ihre enorme Explosivität.

Wann ist für Sie eine Interpretation auf der Orgel besonders gelungen?
Wenn sie der formalen und inhaltlichen Intention eines Komponisten genügt und durch einen Interpreten mitempfunden und persönlich sowie für den Zuhörenden nachvollziehbar und spannend verlebendigt wird. Nach über 500 Jahren Musikgeschichte ist die stilistische und musikästhetische Vielfalt im Bereich der Orgelmusik so groß wie in keinem anderen instrumentalen Bereich. Zudem muss man zur Kenntnis nehmen, dass bei keinem anderen Instrument eine vergleichbare stilistische und sich gegenseitig bedingende Symbiose aus dem instrumentalen Medium und der jeweiligen Musik besteht. Man sollte sich als Interpret m. E. grundsätzlich bewusst sein, dass man als Verwalter des geistigen Eigentums eines fremden Urhebers – sozusagen als moderne Exekutive einer möglicherweise historischen Legislative – eine entsprechende Verantwortung trägt. Ich halte dafür die Beschäftigung mit einem zugrunde liegenden kompositorischen Stil und der jeweiligen Aufführungspraxis des zu interpretierenden Werks nicht nur für eine notwendige Selbstverständlichkeit, sondern empfinde diese Arbeit mit und innerhalb dieser enormen Reichhaltigkeit als ein glückliches Privileg. Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, mich an den ach so beliebten Debatten zubeteiligen, wie beispielsweise zum Thema „Historisch informierte Aufführungspraxis“ – ohnehin eine Begrifflichkeit, die ich in sich nicht glücklich finde … Das Gegenteil von Informiertheit wäre schlicht Un-Informiertheit, so wie das Gegenteil von Vielseitigkeit bloß die Monotonie ist. Aus unserer heutigen künstlerischen Weitsicht heraus können Professionalität und Dilettantismus keine Alternativen sein. Von daher bin ich davon überzeugt, dass die Entwicklung des Interpretationsverständnisses der letzten Jahrzehnte – nämlich hin zum Anspruch, der Beachtung und der Wertschätzung von stilistischer und aufführungspraktischer Vielfalt – eine gute und richtige ist. Zudem steht es in keinem Widerspruch dazu, dass sich interpretatorische Auffassungen eines Künstlers – angefangen beim Erlernen und der objektiven Analyse der Notentexte, über das subjektive Hineinfühlen und Nachempfinden musikalischer Vorgänge, bis hin zur der Problematik einer Darstellung an einem Instrument – in einem permanenten und immer wieder neuen Findungsprozess befinden.

Wie sehen Sie die Entwicklung des künstlerischen Konzertbetriebs speziell im Bereich der Orgel in näherer Zukunft?
Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren die Orgel und Orgelkonzerte deutlich häufiger innerhalb der Programme von Konzerthäusern berücksichtigt werden als früher. Es gibt dabei mehr bekannte und fest installierte Orgelkonzertreihen, und das finde ich sehr erfreulich. Das Angebot an Kirchenkonzerten mag unter Umständen mancherorts beinahe schon zu üppig sein. So kenne ich Gegenden, wo pro Wochenende um die zehn Orgelkonzerte parallel stattfinden, ohne gegenseitige Rücksicht, Absprachen oder gar Kooperationen. Die Kathedralen und großen Kirchen unserer Städte haben teilweise zahlreiche unterschiedliche Konzertformate, und als einen Nebeneffekt dieser Angebotsvielfalt muss man sicherlich auch einen gewissermaßen inflationären Gebrauch der Begrifflichkeit des „Konzertorganisten“ verzeichnen …

Welche Chance hat die Orgel heute bzw. in den kommenden Jahrzehnten (noch) im Bereich der christlichen Kirchen hierzulande, die ihre Rolle als echte Volkskirchen ja zunehmend einbüßen und ihrerseits mit erheblichen Bildungs- und Kulturdefiziten in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben, von den zunehmenden ständigen Finanznöten einmal abgesehen?
Ich bin als tätiger Kirchenmusiker davon überzeugt, dass die Kirchenmusik im Allgemeinen und die Orgel im Besonderen für die Kirche und unseren gemeinsamen Verkündigungsauftrag nach wie vor eine große Chance darstellt und somit eine essenzielle Rolle spielt. Bildungs- und Kulturdefizite sind nicht nur das Problem der Orgel oder der Kirche, sondern sie sind gesamtgesellschaftliche Probleme, denen wir uns an unterschiedlichen Fronten zu stellen haben. Ich für meinen Teil habe mich da positioniert, nämlich im Bereich des professionellen klassischen Konzerts und des christlichen Gottesdienstes, und bin mir darüber im Klaren, dass ich dabei auch im besten Sinn missionarisch tätig bin.

Ist die Orgel für Sie per se ein religiöses Instrument?
Die Orgel ist für mich zunächst ein Musikinstrument wie jedes andere auch. Es gibt hingegen sicherlich weltliche und religiöse Musik, und zwar ganz unabhängig von den möglichen Aufführungsorten wie Kirche oder Konzertsaal. Ich halte den ersten Teil der berühmten Formulierung J. S. Bachs zu Beginn seines Orgelbüchleins – „Dem höchsten Gott allein zu Ehren …“ – nicht nur für eine Widmung, sondern auch für einen allgemeingültigen Interpretationsansatz seiner Musik. Gleiches gilt sicherlich auch für das Orgelschaffen von Olivier Messiaen. Ganz gegensätzlich verhält es wiederum beispielsweise bei den Orgelsinfonien von Louis Vierne, die sicherlich in einem sehr starken Bezug zum Instrumententypus Aristide-Cavaillé-Colls und zu einer kathedralen Räumlichkeit stehen, nicht aber in einem unmittelbar religiösen Kontext. Noch deutlicher wird das im Bereich der Transkriptionen. Sowohl die weltliche als auch die geistliche Musik hat im Bereich der Orgel für mich unvoreingenommen ihren Platz und ihren Stellenwert, und es liegt dabei letztlich an uns, den OrganistInnen, unsere Programme einem Anlass und einem Rahmen entsprechend geschmacks- und stilsicher zu konzipieren.

Wo liegen für Sie noch ungehobene Schätze bzw. neue und spannende Herausforderungen im Bereich der Orgelmusik?
Ich denke, dass wir nach den unzähligen Stilbrüchen der deutschen Orgelmusikgeschichte – wie beispielsweise die Romantik als Bruch mit dem Barock und die Orgelbewegung wiederum als radikaler Bruch mit der Romantik – von der wilhelminischen Musik eines Reger ästhetisch zunächst einmal genauso weit entfernt sind wie von der Musik eines Froberger. Ich sehe in diesen Bereichen im Hinblick auf eine Bewusstseinsschaffung und eine Sensibilisierung dieser Problematik noch eine große Aufgabe und ein gutes Stück des Lösungsweges vor uns. Was mein persönliches Interesse an ungehobenen Schätzen und exotischer Literatur betrifft, so interessiere ich mich da eher für die zeitgenössische Musik als für unbekannte Traditionalisten, und spannende Herausforderungen sehe ich für mich vor allem im Bereich der Transkription. Was den Orgelbau betrifft muss ich gestehen, dass ich mich für moderne oder experimentelle Konzepte durchaus interessiere, mich derzeit aber nicht direkt damit auseinandersetze und auch keine Möglichkeit dazu habe.

Welchen Stellenwert bzw. welche Chance räumen Sie der zeitgenössischen Orgel als Avantgarde-Instrument heute bzw. künftig (noch) ein?
Die Orgel hat im Bereich der musikalischen Avantgarde bisher eigentlich immer ihre Rolle gehabt. Ich denke, dass die gerade ihr eigenen, speziellen Möglichkeiten auch zeitgenössische und zukünftige KomponistInnen inspirieren werden. Gerade bei einer kreativ-tonschöpferischen Beschäftigung mit ‚großen‘ Menschheitsthemen, wie Ewigkeit, Unendlichkeit, Transzendenz, Leben und Tod oder Licht und Dunkel, Farbigkeit, Klangfarben oder Klangexperimente etc. halte ich die Orgel auch jenseits des traditionellen religiösmystischen Terrains für sehr ergiebig. Mir erzählte der 2012 verstorbene Saarbrücker Kompositionsprofessor, Organist und Messiaen-Schüler Theo Brandmüller, dessen Assistent ich bis zu seinem Tod an der Ludwigskirche in Saarbrücken war, oft von seinen Vorstellungen einer – wie er es nannte – „Emanzipation der Aliquoten“ (die ja immer rein gestimmt sind) und einer damit verbundenen kompositorischen Idee, darüber auf ein Klangspektrum und insbesondere auf die Charakteristik von Zusammenklängen – und zwar über eine jeweilige Stimmung eines Instruments hinaus – einen neuen, noch nicht da gewesenen Einfluss zu nehmen. Ja, ich bin ganz sicher, dass auf der Orgel auch zukünftig neuartige Ausdrucksweisen und Formen des Musizierens noch gesucht und gefunden werden können.

Wie stehen Sie als – evangelischer – Berufsorganist allgemein zum Thema respektive zur „Problematik“ des Improvisierens auf der Orgel? Improvisieren Sie, und wenn ja: in welchem Stil (welchen Stilen) – oder unter gewissen Vorbehalten?
Das Improvisieren gehört zu meinem Selbstverständnis des Musikerseins einfach dazu. Ich habe mich sowohl als Pianist als auch als Organist im Rahmen meiner Studien damit entsprechend beschäftigt. In meinem Kirchenmusikstudium sicherlich etwas ausgiebiger – von Stilkopien historisch gewachsener Formen über die Modi von Messiaen bis hin zu modernen Stilen, zur Freitonalität und eigenen musikalischen Ausdrucksweisen – und im Bereich des Klaviers nicht ganz so intensiv, dafür etwas konzentrierter, vor allem mit der Jazzmusik. Was meine Konzerttätigkeit betrifft, trete ich heute ausschließlich als Interpret auf und sehe da auch meine Rolle. Das Improvisieren hat hingegen seinen festen Platz innerhalb meiner gottesdienstlichen Praxis; stilistisch bemühe ich mich auch da möglichst um stilistische und formale Abwechslung.

Lassen Sie mich noch gratulieren zu Ihrer kürzlichen Berufung als Kantor und Organist an die wundervolle evangelische Stadtkirche in Giengen bei Ulm mit ihrer fantastischen romantischen Link- Orgel. Gefällt Ihnen dieses Instrument?
Herzlichen Dank! Unsere Link-Orgel aus dem Jahr 1906 ist innerhalb ihrer Stilistik eines der bedeutendsten Instrumente, die es hierzulande überhaupt gibt. Sie macht die Stadtkirche in Giengen damit natürlich nicht nur zu einer Pilgerstätte für OrganistInnen, Studierende und Liebhaber von nah und fern, sondern auch zu einer der am meist frequentierten und gefragten Austragungsstätte für Orgel-Meisterkurse und CD-Produktionen im Bereich des deutsch-romantischen Repertoires. Mir war das Instrument von verschiedenen CD-Einspielungen her schon lange bekannt, und seine Klanglichkeit hat mich in meiner eigenen Interpretationsauffassung, insbesondere der Musik Regers, geprägt. Als Spieler kennen gelernt habe ich die Orgel allerdings erst bei meinem Probespiel in Giengen. Ich kann nun nach einigen Wochen der Beschäftigung mit der Link- Orgel und des intensiven Ausprobierens sagen, dass sie klangästhetisch bisher keinen meiner Ansprüche und Wünsche unerfüllt gelassen hat.

Uns steht im kommenden Jahr ein großes Max-Reger-Jubiläum „zum 100.“ Ins Haus. Die Link-Orgel bietet, wie Sie gerade sagten, gewissermaßen ein ideales instrumentales Medium für die Musik dieses Orgelgiganten. Haben Sie konkret schon etwas in diese Richtung geplant?
Ja, es wird im nächsten Jahr in Giengen das „1. Max-Reger-Orgelfestival“ stattfinden und es ist mir eine besondere Freude, dass mit meinem Lehrer Ludger Lohmann sowie seinen Kollegen Christoph Bossert (Würzburg), Gerhard Weinberger (München) und Domorganist Sebastian Küchler-Blessing aus Essen prominente Interpreten mit mir gemeinsam dieses Festival bestreiten werden. Ein besonderer Höhepunkt wird sicherlich die Aufführung des Requiems op. 144b durch die Michaelskantorei Heidenheim sein.

Gibt es weitere Pläne Ihres künstlerischen Wirkens mit und für die Orgel, von denen Sie uns schon etwas berichten können …?
Zunächst schaue ich natürlich hauptsächlich auf meine neue Wirkungsstätte und meine Verantwortung als Kantor und Organist der Stadtkirche in Giengen. Neben meiner liturgischen Tätigkeit als Organist und unserer Chorarbeit sind allerdings auch schon in diesem Jahr Konzerte und CD-Projekte geplant, u. a. die Aufführung und Einspielung der Werke für Pedalflügel / Orgel von Robert Schumann. Ich möchte gerne versuchen, auch meine bisherige Tätigkeit als „freier“ Konzertorganist fortzuführen, soweit dies möglich ist. Zudem konnte ich in jüngerer Vergangenheit mehrfach mit jungen Musikern arbeiten und sie dabei u. a. bei ihren Aufnahmeprüfungsvorbereitungen für ein Hochschulstudium im Bereich des Künstlerischen Orgelspiels begleiten. Diese Arbeit hat mich sehr erfüllt und mir große Freude bereitet, so dass ich auch in meiner neuen Heimat weiterhin gerne als Instrumentalpädagoge wirke.

Herr Barthen, ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses außerordentlich informative Gespräch.

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